© Mostlikely Architecture / Patrick Johannsen Fotografie

Architektur, die verbindet

In mehreren Bauabschnitten wird der Naschmarkt im Herzen von Wien umgestaltet und aufgewertet. Ein Herzstück des Projekts, hinter dem das Wiener Architekturbüro Mostlikely Architecture steht, ist der neue Marktraum – ein Ort, an dem sich Lebensqualität mit Lebensmittelqualität die Hand reichen und der die traditionelle Wiener Marktkultur in die Zukunft führt.

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Die Wahrzeichen von Wien mögen der Stephansdom und das Riesenrad, die Hofburg und Schönbrunn sein. Aber kein Besuch in der österreichischen Hauptstadt wäre vollständig ohne einen Bummel über den Naschmarkt. Wo vor 250 Jahren die Bauern aus dem Wiener Umland ihre Produkte verkauften, kann man heute Spezialitäten aus aller Welt verkosten, die an den Ständen und in kleinen Restaurants angeboten werden. Während der östliche, innenstadtnahe Bereich des Naschmarktes stets belebt ist, bot der westliche Teil durchaus Verbesserungspotenzial: Manche Verkaufsflächen wurden nur tageweise genutzt, daneben erstreckte sich ein großer Parkplatz, und der viele Asphalt machte das Gebiet an Sommertagen zu einem Hitzepol. So startete die Stadt Wien einen breit angelegten Diskussions-, Planungs- und Beteiligungsprozess, an dessen Ende eine fundamentale Umgestaltung und Aufwertung des Areals steht: mit dem neuen „Naschpark“ als grüne Lunge, multifunktional – etwa für Flohmärkte und Veranstaltungen – nutzbaren Flächen und einer regionalen Marktzone rund um den neuen Marktraum: Ein luftiger, durchlässiger Bau, der sich mit seiner grünen Holzfassade stimmig in das Gesamtbild einfügt.

Ganz ganzheitlich

Der Bauherr, das Marktamt der Stadt Wien, legte das Gesamtprojekt in die Hände von DnD Landschaftsplanung und Mostlikely Architecture, die als Generalplaner für die Parkanlagen (DnD) bzw. den neuen Marktraum (Mostlikely) verantwortlich zeichnen. Und der Naschmarkt hätte sich kein besseres Planungsteam wünschen können als dieses. Das 2013 von Architekt Mark Neuner gegründete Büro Mostlikely Architecture steht für einen ganzheitlichen Architekturansatz, der über das jeweilige Bauwerk und seine unmittelbare Nutzung hinausgeht und auch die gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Dimensionen miteinbezieht. In diesem Fall bedeutete das, den Naschmarkt wieder näher an seine Wurzeln heranzuführen: Als Ort, an dem regionale (Bio-)Betriebe aus dem Umland ihre Produkte direkt an ihre Kunden anbieten können. So fungiert der neue Marktraum gewissermaßen als überdachte Fortsetzung des traditionellen Bauernmarktes mit zwölf feinen Verkaufsständen und einer kleinen Bar für den Espresso oder Spritzer zwischendurch. Dazu gibt es einen Workshopbereich, denn Mark Neuner sieht den Markt nicht nur als Ort des Kaufens und Verkaufens, sondern auch als einen der Wissensvermittlung, an dem das Bewusstsein für gesunde Ernährung und gute Lebensmittel aus fairer und ökologischer Herstellung geschärft werden soll. Das Dach des Gebäudes wurde in einen Stadtgarten verwandelt – ein konsumfreier Raum mit hoher Aufenthaltsqualität und grandiosem Ausblick.

Farbharmonie

Die exponierte Position des Marktraums am westlichen Zugang zum Naschmarkt verlangte eine selbstbewusste, aber behutsame Planung. Durch die leichte, offene Konstruktion fügt sich der Holz-Hybrid-Bau wie selbstverständlich in die bestehende Architektur ein und ermöglicht einen bequemen Durchgang. Das tiefe Moosgrün der Fassade greift das charakteristische Farbspektrum des Naschmarkts auf. Dafür wurde das Lärchenholz vom ausführenden Holzbau-Unternehmen Gollubits mit der nachhaltigen, Cradle to Cradle-zertifizierten Holzlasur Lignovit Terra von ADLER beschichtet. Der Farbton wurde dabei äußerst sorgfältig ausgewählt, wie Architekt Marc Werner erklärt: „Eine Farbe zu übertragen heißt nicht, sie einfach zu kopieren. Gemeinsam mit ADLER wurde das prägende Moosgrün des Naschmarkts so interpretiert, dass es auf Holz seine eigene Qualität entfaltet. Das Ergebnis ist eine differenzierte Oberfläche, die den Farbton trägt und zugleich die natürliche Struktur des Materials lesbar lässt. Die Lasur auf Basis nachwachsender Rohstoffe erhält die Diffusionsoffenheit des Holzes bei gleichzeitigem Schutz und ermöglicht so eine materialgerechte Alterung.“

Der Naschmarkt in der Zukunft

Nach dem „Naschpark“, der im September 2025 eröffnet wurde, ist der Marktraum der zweite Abschnitt der mehrstufigen Um- und Neugestaltung des westlichen Naschmarkts. Dem Bau gingen – wie es bei Großprojekten im öffentlichen Raum wohl unvermeidlich ist – intensive Diskussionen voraus. Doch die Umsetzung durch Mostlikely Architecture hat auch jene überzeugt, die dem Projekt anfangs kritisch gegenüberstanden. Denn der neue Marktraum steht für eine Architektur, die nicht trennt, sondern verbindet: Stadt und Alltag, Klima und Kultur, Menschen und Märkte, Vergangenheit und Zukunft.

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